Montag, 6. Mai 2013

Twitterbibelarbeit auf dem Kirchentag, die Sofaperspektive

(kleiner Hinweis: wer hier den Kirchentagsschal-Tumblr erwartet, findet ihn dort! #ausGründen)

Stell dir vor es ist Kirchentag, sogar ganz in deiner Nähe, aber du kannst (oder willst) nicht hin. Aber reizen würde es dich doch, zu wissen, was die da so machen und worüber geredet wird. Und ein bisschen Input, neue Gedanken zu bekommen, wäre auch nicht schlecht. Dafür schien mir die Twitterbibelarbeit, einen Versuch wert zu sein, bei der "die in der Halle" und ich zu Hause über das Internet via Twitter miteinander in Kontakt stehen und miteinander kommunizieren können.
Kleiner Exkurs für die, die nicht vertraut sind mit Twitter:

Auf Twitter können Kurznachrichten versandt werden, „Tweets“ genannt. Sie dürfen nicht mehr als 140 Zeichen lang sein. Für diesen leider etwas länger geratenen Text würde ich beispielsweise mindestens 80 „Tweets“ brauchen, allein dieser Abschnitt passte in 3. Ich kann entscheiden, wessen Tweets ich lesen möchte und diesen Leuten folgen. Andere können dies mit meinen Nachrichten machen. 

Um bei Twitter mit zu lesen, braucht man keinen Account, nur dann, wenn man selber etwas schreiben oder auf einen Tweet antworten möchte. Wer z.B. meine Gedanken lesen will, braucht nur nach
@KircheHeide zu suchen.

Tweets kann ich an ganz bestimmte Leute senden, indem ich ihren Namen erwähne, der immer mit dem Zeichen „@“ beginnt. Manche Tweets haben ein Stichwort, mit dem sie in einer Suchmaschine gefunden werden können. Dieses Stichwort heißt Hashtag und beginnt immer mit „#“. „
#twibib“ war beispielsweise das Stichwort für die Twitterbibelarbeit.

Gefällt mir ein Tweet, kann ich dafür ein Sternchen geben, ihn „favorisieren“. Anderer Leute Tweets, von denen ich möchte, dass noch mehr Leute sie lesen, kann ich weiterschicken, „retweeten“. Twitter ist so öffentlich aber auch in etwa so zufällig wie ein Gespräch in der Teeküche: im Prinzip kann jede_r „zuhören“ (=lesen) und „mitreden“ (=schreiben), der oder die zufällig vorbei kommt.
Zur Twitterbibelarbeit auf dem Hamburger Kirchentag: „Wäre eine solche Form auch etwas für meine Arbeit?“ habe ich mich im Vorfeld gefragt. Das Medium Twitter kann Menschen an unterschiedlichsten Orten zusammen bringen, könnte also vielleicht auch Urlauber mit Daheimgebliebenen verbinden, den einen Anteil geben an dem Tun der anderen und zum Mitmachen über viele Kilometer hinweg einladen. Um eine mögliche Praxisrelevanz herauszufinden und weil ich selber gerne twittere, machte ich mit. Meine ersten Erfahrungen und Beobachtungen werde ich hier zunächst skizzieren und dann reflektieren. Dabei vermische ich Erfahrungen des ersten und des zweiten Tages.

Wie also geht Twitterbibelarbeit? Von meiner Seite aus so: Ich sitze zu Hause mit einem Kaffee am PC, logge mich bei Twitter ein und verfolge alle Tweets, die mit "#twibib" gekennzeichnet sind. Ich kann auch auf eine spezielle Seite gehen, auf der alle Tweets zum Thema auf einer sogenannten Twitterwall angezeigt werden. Zweimal habe ich bei einer solchen Bibelarbeit in den vergangenen Tagen auf diese Weise mitgemacht, das Ergebnis der dritten später nachgelesen.

Auf dem Kirchentag selbst, das konnte ich anhand von veröffentlichten Bildern sehen, saßen Menschen in einem Raum, vorne war ein Podium aufgebaut, an die Wand wurde neben den Liedern auch besagte Twitterwall projiziert. Und viele hatten ihr Smartphone in der Hand.

Dann war es 09.30 h und es ging los - vermutete ich - denn ich wußte ja nicht mehr, als dass geschrieben stand, es ginge jetzt los. Aber was genau im Raum geschah, bliebt mir verborgen. Nur durch den PC mit den anderen verbunden, war ich wie blind und taub gegenüber dem, was real passierte. Es wurde gesungen, erfuhr ich via Tweet, vielleicht auch noch, welches Lied. Am ersten Tag war ich noch ziemlich orientierungslos, am zweiten funktionierte die zu dieser Aktion gehörende Seite besser und ich konnte dem Verlauf gut folgen.

Die Bibelarbeit begann mit dem Verlesen des Textes, am ersten Tag leider ohne Hinweis auf die betreffende Stelle. Ich hätte nur raten können, um was es da ging, hätte ich mich nicht zuvor, außerhalb der Bibelarbeit, über den betreffenden Text informiert. Die Bibelstelle hätte auf einer zur #twibib gehörenden Seite stehen sollen, die aber leider nicht rechtzeitig freigeschaltet worden war. Am zweiten Tag dann konnte ich dem Text auf der entsprechenden Seite folgen. Hilfreich wäre ein Tweet mit einem direkten Link zum Bibeltext gewesen, während die im Saal ihn vorgelesen bekamen.

Dann begann die Auslegung des Textes. Irgendjemand sagte irgendwas und das wohl ziemlich gut. Nur was? Und wie? Während der Bibelarbeit war ich abhängig von dem, was die aus dem Saal twitterten. Waren sie nur begeistert und schrieben: "Tolle Präsentation des Textes!" nützte mir am PC das überhaupt nichts. Was war denn da so toll? Wie sah das Tolle aus? Ein/e Dolmetscher_in wäre nötig gewesen, mir das Gesehene und Gehörte in meine Sprache "140 Zeichen" zu übersetzen.

Bei der anschließenden kurzen Auslegung des Textes genauso. "XY erzählt von seinen Erfahrungen mit dem Text." ??? Welche sind das? Wo sieht er oder sie die Zusammenhänge? Was hat er oder sie entdeckt? Wenn niemand sich von der Faszination des Gesagten losreißt und es mir mitteilt, bleibe ich leider außen vor.

Dann wurde eine Impulsfrage gestellt, zu der sich vor Ort kleine Gruppen bildeten. Die Frage wurde getwittert, stand am zweiten Tag auch auf der Seite mit dem Ablauf. Ich saß am PC und überlegte, was die Frage wohl mit dem Text zu tun haben könnte. Was vorher vor Ort besprochen worden war, wusste ich ja nicht. Mir halfen Tweets von anderen aus dem Saal, die den Impuls in Kürze beantworten. Ich versuchte mich daran orientierend, ebenfalls meine Gedanken zu formulieren, reagierte auf andere Tweets, bekam manchmal eine Antwort.
Nebenbei erfuhr ich: "Nele ist blöd! #twibib" - Wer ist Nele?

Mit etwas Zeitverzögerung bekam ich mit, dass die "Murmelgruppen" zu Ende waren. Wer im Saal nicht twittern konnte, hatte die Möglichkeit gehabt, seine oder ihre Gedanken auf ein Stück Papier zu schreiben und ans Podium zu geben, welches die kurzen Texte dann bei Twitter eingab.

Es wurde gesungen, las ich. Währenddessen trudelten weitere Tweets ein. Ein neuer Input wurde gegeben, wieder aber fehlte mir der konkrete Inhalt. Die Mitteilung: „den Zuhörenden werden neue Gedanken mitgegeben“, nützte mir wieder nichts. Ich hätte Stichworte gebraucht, schriftliche Zusammenfassungen des gesprochenen Wortes.
Und wieder las ich „Nele ist blöd! #twibib“ - Vielleicht hatte die Gemeinte es ja noch nicht gemerkt oder nicht erwartungsgemäß reagiert ...

Ein neuer Impuls auf meinem Bildschirm, neue Orientierung an versandten Tweets, schnell nachdenken und in die Tasten hauen. Es musste wirklich sehr schnell gehen, am zweiten Tag wurde zum Glück das Tempo ein wenig rausgenommen.

Irgendwann wurden Fürbitten vorgetragen. Gleichzeitig sollten auch welche per Twitter formuliert werden. So schnell bin ich aber nicht, gleichzeitig die getwitterten lesen, nachdenken und schreiben ging gar nicht. „Beten Sie nach dem Signalton!“ fand ich problematisch. Am zweiten Tag habe ich es gar nicht erst mehr versucht, sondern mein „Amen“ durch Retweeten und Favorisieren dazu gegeben. Abschließend das Vater unser. Das wiederum wurde Zeile für Zeile abgetippt, obwohl DAS doch jede_r können sollte! Fand ich überflüssig.
Den nächsten „Nele ist blöd! #twibib“-Tweet habe ich dann kommentiert - ohne den Zusatz #twibib.

Dass ein Schlusslied gesungen wurde, erfuhr ich dann wieder per Tweet. Und schon war eine sehr intensive Stunde zu Ende. Aufatmen. - Irgendwie wurde es plötzlich ganz still um mich, obwohl auch zuvor nicht mehr als die Computertastatur zu hören gewesen war.

Eine sehr interessante Erfahrung, diese Twitterbibelarbeit! Spannend auch, dass sie sich in dieser kurzen Zeit von drei Tagen bereits sichtlich weiter entwickelte. Vieles, was am ersten Tag noch nicht geklappt hatte, funktionierte schon am zweiten und wurde bis zum dritten noch mal verfeinert. So gelangen bei der dritten Twitterbibelarbeit die entsprechenden "Untertitel" zum Geschehen im Saal sichtlich besser. Auch wenn ich an diesem Morgen weder on- noch offline dabei sein konnte, war später anhand der Tweets gut die morgendliche Bibelarbeit nachvollziehbar! Meine Anerkennung denen, die so flexibel mit dieser neuen Form von analoger und digitaler Bibelarbeit umgegangen sind!

Was nehme ich mit von den Twitterbibelarbeiten? Neben den technischen Voraussetzungen (Laptop, Beamer, Internetzugang - woran es an vielen Orten bereits scheitern dürfte -, Leinwand, Smartphones der Teilnehmenden) braucht es vor allem ein gutes Team mit Twitter Vertrauten, die eine solche Aktion begleiten. Sie müssen viel „Übersetzungsarbeit“ für die nur online Anwesenden leisten. Wobei diese Arbeit eigentlich von allen vor Ort Anwesenden geleistet werden könnte und müsste: alle können und sollten das Gesehene und Gehörte twitternd kommentieren, um die „Fernanwesenden“ (toller Begriff von @Zielkost!) einzubeziehen. Diese Verantwortung füreinander müsste bei weiteren Twibibs möglicherweise stärker und wiederholt kommuniziert werden.

Spannenderweise ist auch "Entschleunigung" ein wichtiges Stichwort für dieses Medium Twitter, das ja eigentlich für seine Schnelligkeit geschätzt wird. Es braucht Zeit zum Lesen, zum Schreiben, zum Reagieren. Was schnell gesagt wird, ist noch lange nicht schnell in Stichworte gefasst, wie jede_r wissen wird, der oder die jemals die Aufgabe hatte, eine nur 10-minütige Diskussion "mal eben" in drei Stichworten zusammen zu fassen.

Bestechend an dieser Form der Bibelarbeit ist natürlich die Möglichkeit, mit jeder und jedem kommunizieren, sich ergänzen, kontrovers zu diskutieren und weiterdenken zu können. Überzeugend auch die durchgängige Möglichkeit der Partizipation und Transparenz durch die Wall. Das setzt aber voraus, dass ich mit dem Medium Twitter bereits einigermaßen vertraut bin. Um mit Twitter im Rahmen einer solchen Bibelarbeit zu beginnen und vertraut zu werden, wird die Zeit nicht reichen. Die Möglichkeit, auch analog auf Zetteln „twittern“ zu können, fand ich daher als Idee genial! Die online wie die analoge Variante sind die konsequente Fortsetzung und partizipatorische Ausweitung der „Anwälte des Publikums“.

Mit den Inhalten ist das allerdings so eine Sache: Was kann in so kurzer Zeit mit so wenig Zeichen weitergegeben werden? Wo bleiben Sprachgewaltigkeit und Wortwitz? Da braucht es noch mehr Übung, scheint mir, bis so eine Twibib mehr ist als ein Anknüpfen an meine eigenen Gedanken und ein relativ oberflächlicher Austausch über ein Thema. Mit anderen Bibelarbeiten und deren Tiefgang scheint sie mir zur Zeit noch nicht vergleichbar zu sein. Allerdings sehe ich darin keine undurchdringbare Grenze sondern eine Herausforderung, die zukünftig in den Blick genommen werden müsste.

Eine Herausforderung sind ebenfalls solche „Nele ist doof! #twibib“ Spamtweets. Sie werden sich nicht vermeiden lassen, eher noch zunehmen, es sei denn, eine Redaktion will sie heraus sortieren, falls so etwas möglich ist. Ich nehme sie als das Hintergrundrauschen, das auch in realen Gruppen durch Seitengespräche entsteht und nie zu 100% ausgeschaltet werden kann.

Ist nun diese Art eine Bibelarbeit oder auch einer Gottesdienstfeier etwas für meine konkrete pastorale Praxis? Vermutlich nur für einen ganz eng umgrenzten, äußerst kleinen Kreis. Kaum jemand aus meinem beruflichen oder privaten Umfeld ist bei Twitter. Ob sich das ändert, wird die Zeit zeigen. So waren diese Twitterbibelarbeiten zunächst einmal allein für mich eine spannende Erfahrung, die mir Spaß gemacht hat und die ich gerne wiederholen würde!
Und - auch wenn ich vermutlich nie wieder von ihr lesen werde - : Ich hoffe, Nele geht es gut!

Kommentare:

  1. Hallo!

    Als einer der an der Bibelarbeit Beteiligten wollte ich dir erstmal für deinen ausführlichen Bericht danken, für uns ist das echt super so eine detaillierte Außenperspektive zu bekommen! :-)

    Zu dem von dir angesprochenen, dass du nicht mitbekommen hast, was eigentlich gerade lief: Wir hatten viele Tweets vorbereitet, in denen unser Text aus dem Saal zusammengefasst war (da war auch der Bibeltext dabei) und diese wurden auch getwittert, nur irgendwie hat uns die Technik einen Strich durch die Rechnung gemacht und diese Tweets erschienen am Anfang nicht dort wo sie sollten. Tut uns leid, war für uns auch ärgerlich! Was du bekommen hast, war eben vom Reporter, der das Geschehen im Saal kommentiert hat und daher auch nichts Inhaltliches geschrieben hat, daher der fehlende Inhalt.
    Umso schöner, dass du uns noch eine "zweite Chance" gegeben hast. Dein Feedback werden wir auf jeden Fall in unsere Nachbereitung aufnehmen!

    Viele Grüße
    Benedict

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    1. Danke für die ganze Pionierarbeit, die ihr geleistet habt! Ihr hättet auch eine 3. Chance von mir bekommen, da konnte ich aber leider nicht online sein.

      Mit euren vorbereiteten Tweets wäre sicher mehr Inhalt rüber gekommen. Aber ich betone nochmal, was ich oben schon geschrieben habe: Gerade bei einer solchen Form müsste mehr und mehr das "Publikum" zu den "aktiven Machern" werden und ebenfalls die Inhalte twittern. Darin sind aber erst wenige geübt. Das gäbe dazu denen auf dem Podium eine Rückmeldung, inweit ein Input angekommen ist und weiter gedacht wird. Macht unbedingt weiter!

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